seit 1996 ist marian gold ständig am reisen. singapur, são paolo, stockholm, salt lake city. wenn eine interessante, eine wirklich interessante stadt dabei war, dann blieb man ein, zwei tage länger, für gewöhnlich aber ging es am nächsten morgen weiter. vier jahre lang war gold mit seiner band alphaville unterwegs, nicht ununterbrochen, aber stetig, bis zu 100 auftritte im jahr. postkarten kamen dann aus den anden oder aus argentinien, an freunde; nie aber wurde dokumentiert wie das klingt, wenn alphaville konzerte geben, plugged, vor publikum.
    
'mir hat das enorm viel bedeutet', sagt marian gold, der ganz ruhig redet, in seiner berliner wohnung, nachts, unter dem dach: 'früher hatten wir ja gar keine konzerte gegeben, da war alphaville ein reines studioprojekt von bernhard lloyd und mir. irgendwann merkte ich: da fehlt etwas. ich wollte immer auf die bühne.' dass jetzt ein erstes live-album dieser pionierband des e-pops erscheint, immerhin 16 jahre nach der veröffentlichung von alphavilles sensationellem debüt-album 'forever young' und vier jahre nach der entscheidung bühnenluft zu riechen, ist in diesem sinne mehr als eine überraschung: es ist die erfüllung eines musikertraums.
    
eines traums, der mit einem traumstart begonnen hatte. erstes album, erste nummer eins, mindestens drei songs für die ewigkeit. wofür andere eine karriere lang brauchen, genügte alphaville ein handstreich. gold: 'das war damals für uns nichts anderes als pop art in der tradition andy warhols: wir wollten ein album machen, das wie ein greatest-hits-album einer seit jahrzehnten erfolgreichen band klingt. mit in die songs eingearbeiteten erfahrungen, von denen man sich vorstellt, dass ein star sie durchlebt hat: jet set, drogen, das schnelle leben, nette mädchen.' dass teenagermädchen aus aller welt 1984 zu 'big in japan' discofox tanzten, obwohl der song eine ausgemachte drogenhymne war (textprobe: 'i will wait here for my man tonight, it’s easy when you are big in japan'), gehört zur ironie der geschichte.
    
natürlich finden sich von 'sounds like a melody' bis 'forever young' die welthits alphavilles auf 'stark, naked and absolutely live', sozusagen aufgrund der großen nachfrage. andere songs, darunter weniger bekannte meisterstücke wie 'cosmopolitician' ( ursprünglich veröffentlicht auf golds soloalbum 'united') oder eine traumhaft schöne version von alphavilles 'dance with me' (hidden track) wurden von gold mit auf das album genommen, weil sie andere facetten dieser erfolgreichsten deutschen popband der achtziger jahre definieren. was alphaville an unentdeckter schönheit im laufe der jahre produziert, aber nicht gewagt hatten zu publizieren, konnte man bereits vor einem jahr erahnen, als gold mit 'dreamscapes' eine monumentale 8-cd-box mit 125 weitestgehend unveröffentlichten alphaville-songs gegen alle ratschläge und kommerziellen erwägungen veröffentlichte. eine haltung, die auf prinzipien beruht. 'schon unser erstes album war aus einer anarchistischen idee geboren. wir waren in diesem sinne ganz normale junge männer anfang der achtziger, die mit großem selbstbewusstsein einfach das taten, was sie wollten', erklärt gold das wagnis 'dreamscapes', das viele parallelen zur unbekümmertheit vergangener zeiten aufweist: unvollendete demo-aufnahmen, obskure b-seiten, nie veröffentlichte, experimentelle dance-remixes, studien, fingerübungen reihten sich im stak-katorhythmus aneinander.
    
dass 'stark, naked and absolutely live' heute kein klassisches konzertalbum geworden ist, das einen auftritt von alphaville vom opener bis zur zugabe dokumentiert, ist, wenn man die geschichte dieser band kennt, nur folgerichtig. gold: 'wir sind keine maschinen, auch wenn wir mit ihnen leben. wenn alphaville live auftreten, dann gibt es leidenschaft, und sicherlich auch routine, aber es gibt immer auch momente größter intensität.' für das live-album hat gold 14 dieser momente aus hunderten von stunden livemitschnitten herausgesucht. für die fans. als dokumentation. für die ewigkeit.